Das Helfersyndrom – eine positive Erscheinung?

Das Helfersyndrom.
Ist ein Mensch, der mit dieser "Charaktereigenschaft" verbunden ist, ein Segen für sein Umfeld, für sich selbst…
…oder unterliegt dieser Mensch vielmehr nur einer Angst hinter einer Angst? Ist es letztlich ein Zeichen eigener Hilfsbedürftigkeit?

Herzlich willkommen liebe Leserinnen und Leser!

An sich nochmals angestoßen durch einen kürzlichen FB-Beitrag…, wie es auch ein Kapitel meines neuen Buches umfasst…, erlaube ich mir da einmal ein paar Gedanken zu äußern.

Helfersyndrom also…
… klingt irgendwie krank, so ein wenig übel… oder?

Nun, das „Helfersyndrom“ symbolisiert in der Regel ein Modell seelischer Probleme. Vielfach „versteckt“ findet man dieses Syndrom im sozialen Berufen wieder, wo es ja definitiv darum geht, anderen Menschen zu helfen. Oftmals den Glauben, helfen zu müssen, da sie ihren Alltag nicht anderwertig bewältigen können.

In der heutigen Psychologie, mitunter auch Psychotherapie wird dieses Helfersyndrom mitunter auch einer Konfliktbewältigungsstrategie zugeschrieben, die in sich mitunter eine Art Abwehrmechanismus darstellen kann.

Wie kommt es nun dazu?

Meine These lautet: Dies alles entsteht im Zuge der kindlichen Anpassung!
Laut diesem Seelenproblem-Modell nun hat ein vom „Helfersyndrom“ Betroffener zumeist ein schwaches Selbstwertgefühl und ist irgendwann auf seine Helferrolle total fixiert. Dieses unbedingt Helfen… beziehungsweise „gebraucht- werden-wollen“… dieser Anspruch an seine Hilfe also… kann mitunter zu einer regelrechten Sucht ausarten. Der Betroffene versucht in seiner „Helferrolle“ ein Ideal zu verkörpern, dass er selbst, z.B. bei seinen Eltern…, oder generell in seiner Kindheit vermisst hat! Also hier schon deutlicher Hinweis auf den Unterschied des Denkes uns Fühlens des Kindes… und das des erwachsenen Umfeldes!

In groben Fällen vermag diese Hilfsbereitschaft im weiteren Verlauf – anfänglich meist unbemerkt – zu einer Selbstschädigung / Selbstaufopferung und Vernachlässigung von eigenen sozialen Kontakten führen.

Nicht selten unterschätzt der Betroffene auch seine Grenzen… oder Grenzen eines Möglichen und ignoriert mitunter irgendwann auch die Frage, ob die Hilfe überhaupt erwünscht oder sinnvoll ist.
Er wird oftmals zum „Einzelkämpfer“… lehnt also Hilfe anderer ab.
Und wie bei vielen Dingen, die sich „überspitzen“… sind dann – grade im Falle von Zurückweisungen oder Kritik – Erscheinungen wie Depressionen oder sogar Burn-Out möglich. Oder schlimmere Dinge, wie das tägliche Weltgeschehen nur allzu oft „beweist“.

Und dann noch so ein anderer Gedanke…

Ich spreche da mal das große Thema der "Liebe" an. Erst heute erreiche mich da wieder eine Darlegung, dass es als jeweilige Verantwortung gesehen wird, den Anderen glücklich zu machen. Dass Liebe eine Sache von Investment und Return-on-Investment sei. Schlichtweg also eigentlich nüchterner Handel.

Was nun, wenn dieses vermeintliche Pflichtgefühl einer Verantwortung, eines Investments, auch ursprünglich einem solchen "Helfersyndrom" entspringt? Wenn ein Mensch dem Glauben unterliegt, dass er eben investieren müsse, um geliebt zu werden? Investieren… lediglich ein anderes Wort für "helfen"…?

Wird hier vielleicht gar schon ein altes Muster erkennbar…? Liebe gegen Leistung… Sprechen wir allerdings hier tatsächlich noch von Liebe…?

 

Wie nun kann es zu einem schwachen Selbstwertgefühl kommen?

Indem ein Kind schon vielfach erfährt, dass es so, wie es ist, nicht in Ordnung ist!
Freilich – Kritiker mögen mir nun entgegen halten, dass ein Kind gewisse Regeln des Lebens erlernen muss.

Zuerst jedoch würde ich hier schon einmal dagegen halten: "Muss" das Kind?
Egal nun, ob für dieses "Muss" dann "Abwandlungen" wie z.B. "soll", "hat zu" und alle Möglichkeitsformen verwendet werden.

Wie verhält es sich denn? Das Kind wird in ein vorgegebenes Regel-Korsett seines Umfeldes gezwängt. Ob es will oder nicht.
"Lerne, damit aus Dir mal etwas wird!"
Das Kind IST also noch nicht, es muss erst werden.

Ich könnte an verschiedensten Erlebnissen aus meiner Kindheit wohl ganze Bände füllen. Erlebnisse, die mir immer und immer wieder zeigen sollten, dass meine Meinung einen feuchten Kehricht wert war. Ja selbst vermeintlich positiv scheinende Dinge, erfuhren selten bis gar keine Anerkennung.
Wie also sollte großartig Selbstwert entstehen?

Ist das Helfersyndrom also in gewissem Maße Zeichen einer eigenen "Hilfsbedürftigkeit"? Letztlich eines Mangels an Selbstbewusstsein, Selbstwert?

Es würde nun zu weit ausufern, hier alleine schon die sprachliche Anwendung heranzuziehen, um teils systematische Demontage von Selbstwert, Selbstbewusstsein zu demonstrieren.
Gleichzeitig nun ein schöner "Schwenk" zum Helfersyndrom.

Wenn ein Kind also auf vielfältige Weise wenig beachtet, anerkannt wird, Liebe gegen Leistung erfolgt…
…dann käme man durchaus leicht auf jenen Gedankengang, dass man als Kind "HELFEN" müsste.

HELFEN, um wenigstens hier "Anerkennung" zu erhalten.

Das Surreale an dieser Situation ist ja…: Wie soll ein Kind aus seinem Kind-Sein heraus großartig in der Erwachsenenwelt HELFEN können? Die Gedanken- und Gefühlswelt klafft hier dramatisch auseinander.
Aber das Kind versucht es trotzdem auf seine Weise.
Dass hier mitunter jedoch eine Art "Teufelskreis" ensteht, der sich sukzessive ausweitet… Dies wird teils grob missachtet.


Eine Analyse von vielen Beziehungsmustern in diesem „Dunstkreis“ des „Helfersyndroms“ ergaben eine oft ziemlich klare „Dreiecks-Beziehung“… auch als „Drama-Dreieck“ bekannt! Die Rollen darin sind klar definiert:

Opfer… Verfolger… Retter!

Oftmals zu beobachten, dass 2 oder 3 dieser Rollen, in einer einzigen Person wechselwirkend zu finden sind!

Nicht das mich hier jetzt jemand falsch versteht und mir unterstellte, dass wirklichen Opfern nicht geholfen gehörte!
Dies steht völlig außen vor!

Doch „Kandidaten für ein Helfersyndrom“ sprengen diesen „Hilfsrahmen“ oftmals bei weitem, indem sie schon beim kleinsten „Fingerzeig“ von „Opferrollenspielern“ tätig werden!

„Opferrollenspieler“…?

Ooooohhh … welch schier unglaublicher Ausdruck…!?

Und doch gibt es sie zuhauf! All die armen „Opfer“-„Rollenspieler“…
…die Jammerer…
…die einfach nur ihren Arsch nicht hochbekommen wollen… und es lieber über diese Schiene versuchen, über die dann sogleich agierenden „Helferlein“ eigentlich ihrer eigenen Verantwortung zu entgehen! „Irgendein Trottel wird schon was machen…!“

Es gibt – trocken ausgedrückt – also durchaus viele Menschen, die diese "Hilfsbereitschaft" Anderer nach Strich und Faden ausnützen. Wohl zumeist als versuchter, unbewusster Mangelausgleich auf verschiedenen Ebenen. Teils auch aus reiner Absicht.

Und eben die Gegen- oder "Helfer"-Seite. Jene, die wie zuvor schon erwähnt, im "schlimmsten Fall" irgendwann eigene Grenzen längst überschritten haben. Sich vor lauter Drang, gemocht, anerkannt, geliebt zu werden, selbst übernommen, ausgebrannt haben.
Selbst jedoch dann Hilfe annehmen, liegt bei diesen Menschen oft fern, zumal sie es fataler Weise als eigene Schwäche auslegen.


Was aber nun hat dies mit der Angst zu tun? Gar einer Angst hinter der Angst?

Nun…
…wie immer mag die Lösung sehr einfach klingen.

Einerseits haben Menschen mit Helfersyndrom aus früher Anpassung jene Angst übernommen, dass sie ohne Helfen nichts "wert" sind. Nicht anerkannt, geliebt werden. Sich sehr leicht u.a. als ausgeschlossen fühlen u.v.m.
Andererseits reicht in dieser "Helfer-Konstellation" die Angst noch eine Ebene tiefer.
Diese eben beschriebene Angst ist sicherlich unangenehm für den Betroffenen. Teils konnte ich in diesem Kontext beobachten, dass manche Menschen "Hilfeschreie" aussenden. Aber letztlich kennen sie nur diese Form der Anpassung, dieses Lebens. Es bedarf hier tiefreichender und sensibler "Vorgehensweise", um die Menschen einmal erkennen zu lassen.
Wobei…: Ein häufig auftretendes Phänomen ist, dass genau diese Menschen im Leben selbst immer und immer wieder mit Situationen konfrontiert sind, in denen ihnen diese "negativen" Auswirkungen vor Augen geführt werden. Mitunter sehen sie jedoch "den Wald vor lauter Bäumen nicht".

Es bedarf also – wie in vielen Dingen des Lebens – einer gewissen "Leidensdruckgrenze". Eine Grenze, die erst überschritten werden muss, damit der Mensch endlich in die Gänge kommt. Vorher wird keine Veränderung geschehen. Nur wird der Mensch – ebenfalls in schon in der Kindheit – schon gut darauf trainiert, zu verdrängen. Was bliebe dem Kind denn anderes übrig? Sollte es zu den Eltern etwa sagen "Vater, Mutter… ich glaube ihr irrt hier!"…?
Das habe ich – in meiner Kindheit – ganz sicher bleiben lassen! Denn jegliche Form von Widerstand wurde mit Konsequenzen belegt. Nicht selten auch körperlich Spürbare.
Je stärker Kinder jedoch an verminderten Selbstwert, Selbstbewusstsein, angepasst wurden, umso höher liegt meist diese Grenze. Eine beinahe "Perversität" des Lebens.

So. Und dann kommt also noch die Angst vor zuvor beschriebener Angst hinzu. Potenziert sich also nach oben. Der betroffene Mensch will dieses unangenehme Gefühl des nicht geliebt/angenommen Werdens nicht erleiden. Diese Angst vor Ablehnung.
Der Mensch entwickelt irgendwann eine Angst vor dieser Angst.


Wie kommt ein Mensch also raus aus diesem Hamsterrad???

Es gibt kein Patentrezept.
Dies ist eine höchst individuelle Sache. Eine "Sache", mit der sich mein Tun befasst.

Letztlich läuft es jedoch auf gesunde Achtsamkeit, Selbstliebe hinaus.
Und: zu keiner Zeit ist alles verloren!

Heute… da sind wir keine Kinder mehr. Heute stehen wir auch nicht mehr in dieser Abhängigkeit. Heute können wir für uns selbst festlegen, wie wertvoll wir sind!
Es ist "erlernbar" – so doof sich das womöglich auch anhören mag…!

Helfen an sich ist eine schöne Sache.
Jedoch habe ich für mich erfahren, sie ist dann schön, wenn ich das Helfen in keiner Weise BRAUCHE. Um mich z.B. gut zu fühlen.
Wenn ich helfe, dann rein und aus tiefstem Herzen.
Und: Ich habe gelernt, zu fragen! Gleich z.B. einem Feedback, überschritte es für mich meine Verantwortung, wenn ich einfach ungefragt helfe.
Wenn mein Gegenüber NEIN sagte, dann ist das eben so. Dieser Mensch ist "erwachsen" genug, um darüber zu entscheiden.


Ja. Dieses Helfersyndrom hat auch mein Leben beeinflusst. Mich bis zuletzt in Situationen gebracht, die ich als "Boten des Lebens" sehe. Als Wecker, Einladung, Aufforderung, gegebenenfalls etwas zu ändern.
Selbstwert, Selbstliebe hat so gar nichts mit irgendwelchem Ego-Mist zu tun. Sondern es ist für mich einzig ständige Aufforderung einer Prüfung des IST.
Nicht einmal Selbstwert oder Selbstliebe ist eine starre Sache, sondern Bewegung. Wie das Leben selbst.

Im Sinne einer Achtsamkeit darf ich also einladen, mal tiefer in sich zu fühlen. Die Motivation zum täglichen Tun ehrlich zu hinterfragen.
Hineinzufühlen in die Tiefe, ob da womöglich so ein leichtes Unbehagen feststellbar ist.

Wer Fragen hat, kann sich gerne melden!

Ich wünsche Euch eine schöne Zeit einer eigenen Bewusstheit, eines Selbstwertes und respektvoller Begegnung!

Euer
Ernold Prinz

(Lifecoach, psycholog. Berater (i.A.), Sachbuchautor)

 

PS: Wer die Achtsamkeits-Beiträge nicht gelesen hat / erst jetzt "eingestiegen" ist…  Die Blogs sind gerne nachzulesen,zusammengefasst auf der Projekt-Seite  https://www.das-neue-ich.com/achtsamkeitstraining/

PS: Ein Direktlink zu meinem neuen Buch: Informations- und Kaufseite zur Verlagsseite von Tao.de

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